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Neuzeit – Renaissance und Barock

Der deutsche Universalgelehrte, Arzt und Philosoph Agrippa von Nettesheim (1486–1535) sowie der britische Philosoph, Theosoph und Mediziner Robert Fludd (1574–1637) interpretierten die menschliche Hand als Abbild des gesamten Kosmos.

Agrippa von Nettesheim & Robert Fludd – Wiederbelebung der Chirologie

Im Zuge der Renaissance, also ab dem 15. Jahrhundert, und mit dem Beginn der Neuzeit wurde unter europäischen Gelehrten das Interesse an antiker Wissenschaft und Philosophie neu belebt. Damit kehrte auch die Erinnerung daran zurück, dass die Handlesekunst sowohl im alten Griechenland als auch im Orient stets als wertvolle und teilweise sogar heilige Wissenschaft gegolten hatte. Gelehrte begannen erneut, sich mit diesen überlieferten Wissensbeständen auseinanderzusetzen und sie in einen zeitgemäßen Kontext zu stellen.

Der deutsche Universalgelehrte, Arzt und Philosoph Agrippa von Nettesheim (1486–1535) sowie der britische Philosoph, Theosoph und Mediziner Robert Fludd (1574–1637) interpretierten die menschliche Hand als Abbild des gesamten Kosmos. In ihren Arbeiten versuchten sie, die traditionelle Form des Handlesens wiederzubeleben und in ein umfassendes, hermetisch‑kosmologisches Weltbild einzubetten. Selbst der Philosoph, Theologe, Humanist und Reformator Philipp Melanchthon (1497–1560), der der Chiromantie zunächst ablehnend gegenüberstand, wurde im Laufe seines Lebens ein Schüler dieser Wissenschaft. Er lehrte sie schließlich sogar als bedeutende geisteswissenschaftliche Disziplin an der Universität Wittenberg.

Im Zeitalter des Barock, also ab dem 17. Jahrhundert, vollzog sich innerhalb der Handlesekunst eine deutliche Schwerpunktverlagerung hin zu einem stärker naturwissenschaftlich orientierten Ansatz. Auf Vorhersagen über das zukünftige Schicksal oder auf umfassende Charakteranalysen wurde weitgehend verzichtet. Stattdessen konzentrierte man sich vor allem darauf, anhand der Merkmale der menschlichen Hand Rückschlüsse auf den körperlichen Gesundheitszustand zu ziehen. 

An mehreren europäischen Universitäten wurden in dieser Zeit Lehrveranstaltungen über diese Form des Handlesens angeboten. Die sogenannte «medizinische Chiromantie» wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Deutschland unter anderem an den Universitäten von Halle, Jena und Königsberg gelehrt. Auch in Dresden hielt der Arzt Philipp Meyen, einer der Pioniere der Iridologie (Iris‑Diagnostik), Vorlesungen zu diesem Themenbereich.

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Bettina Johanna

Der Verlust der grösseren Zusammenhänge

Mit dem Beginn der Aufklärung, also ab der Mitte des 18. Jahrhunderts, wurde der Begriff der europäischen «Wissenschaftlichkeit» zunehmend auf das rein Rationale und dreidimensional Beweisbare reduziert. Alles, was sich nicht mithilfe empirischer Beobachtung, Logik und Vernunft nachweisen ließ, galt fortan als «unwissenschaftlich» und wurde immer häufiger mit «unwahr» gleichgesetzt.

Im Zuge dieser materialistischen Reduktion ging die Erkenntnis der größeren kosmischen und symbolischen Zusammenhänge verloren. Damit verschwand auch die Kunst des Handlesens aus den akademischen Kreisen und geriet erneut in Verruf – sowohl in England, Frankreich und Italien als auch in Deutschland. Während sie im Mittelalter als «heidnische Wahrsagerei» oder als «Gotteslästerung» diffamiert worden war, galt sie nun als «unwissenschaftlicher Unfug» oder als bloßer «Aberglaube».

Das daraus entstehende geistige Vakuum führte dazu, dass das Handlesen zunehmend in ein unseriöses Umfeld verdrängt wurde. Es fand sich fortan vor allem auf Jahrmärkten und in Wahrsagerzelten wieder, losgelöst von seinem ursprünglichen philosophischen, medizinischen und kosmologischen Anspruch.

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