
Das Mittelalter – Geheimwissen und Gelehrsamkeit
Vom 12. bis 15. Jahrhundert bewahrten Gelehrte wie der Mönch Eadwine und der Arzt Peter von Abano das Wissen der Chiromantie in Manuskripten und Lehrwerken, oft als medizinische und psychologische Wissenschaft interpretiert.
Eadwine & Peter von Abano – Hüter des mittelalterlichen Wissens
Das älteste heute noch erhaltene mittelalterliche Manuskript, in dem die Handlesekunst erwähnt wird, stammt aus der Zeit um 1160 n. Chr. und wurde von einem südenglischen Mönch namens Eadwine verfasst. Es ist unter der Bezeichnung «Eadwine‑Psalter» beziehungsweise «Canterbury‑Psalter» bekannt. In dieser lateinisch abgefassten Schrift finden sich neben religiösen, liturgischen und persönlichen Themen auch zwei Kapitel, welche die theologische Fachwelt bis heute erstaunen: Zum einen eine Abhandlung über Numerologie, zum anderen eine Abhandlung über die Wissenschaft des Handlesens, die Chiromantia.
Eine Abschrift des Handlese‑Kapitels aus dem «Eadwine‑Psalter» findet sich zudem in einem Manuskript aus dem Jahre 1292, das heute in der berühmten Bodleian Library der Universität Oxford aufbewahrt wird und dort die Signatur «MS Ashmole 399» trägt. Diese reich bebilderte medizinische Schrift behandelt nicht nur verschiedene physiognomische, anatomische und diagnostische Themen, sondern enthält auch zwei Kapitel über das Handlesen, die auf dem «Eadwine‑Psalter» basieren und zusätzlich mit zahlreichen Zeichnungen illustriert sind. Diese Abbildungen gelten als die ältesten erhaltenen Handlese‑Illustrationen der gesamten abendländischen Kulturgeschichte.
Die Ausführungen des Manuskripts «MS Ashmole 399» machen deutlich, dass man im Mittelalter das Handlesen als ernstzunehmende Wissenschaft betrachtete, die einen wichtigen Beitrag zur medizinischen Diagnose und Therapie leisten konnte. Dasselbe galt auch für die Disziplinen der Physiognomie – der Deutung körperlicher Merkmale, insbesondere der Gesichtszüge – sowie der Astrologie, welche das Geburtshoroskop eines Menschen analysierte.

Weitere Geisteswissenschaften als unverzichtbare Bestandteile der Heilkunst
Ein weiteres bedeutendes Beispiel für die mittelalterliche Tradition der Handlesekunst ist der Philosoph, Arzt und Medizinprofessor Peter von Abano (um 1257–1315) aus der Provinz Padua in Norditalien. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Schule von Padua zu einem der wichtigsten Zentren der abendländischen Medizin. Peter von Abano verband die Lehren des griechischen Arztes und Naturforschers Galenos (um 129–216 n. Chr.) mit jenen römischer, arabischer und vermutlich auch indischer Ärzte und Philosophen. Er betrachtete den Menschen als integralen Bestandteil eines großen, harmonischen Ganzen, das von himmlischen Sphären geschützt und gelenkt wird.
Aus diesem Weltbild heraus waren für ihn Astronomie, Astrologie und weitere Geisteswissenschaften unverzichtbare Bestandteile der Heilkunst. Neben mehreren Schriften über Physiognomie, Astrologie, Alchemie und Geomantie – der Deutung von Erdmustern nach den vier Himmelsrichtungen und den vier Elementen – ist von ihm auch mindestens eine Abhandlung über die psychologische und medizinische Bedeutung des Handlesens überliefert.
Dass Peter von Abano solche aus kirchlicher Sicht «heidnischen» und «magischen» Künste betrieb und diese zudem öffentlich lehrte, brachte ihn in Konflikt mit der Kirche. Er wurde vor ein Inquisitionstribunal gestellt. Zwar starb er, nachdem er in einem ersten Verfahren freigesprochen worden war, doch wurde er in einem zweiten Prozess posthum für schuldig befunden. Sein Leichnam sollte exhumiert und verbrannt werden; da dieser jedoch von einem Freund rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden war, begnügte man sich mit einer symbolischen Verbrennung. Eine weitere spätmittelalterliche Abhandlung über die Handlesekunst stammt aus dem Jahr 1448 und wurde am Münchener Hof vom Arzt Johann Hartlieb (um 1400–1468) verfasst. Hartlieb wirkte als Leibarzt und Hofdichter von Herzog Albrecht III. von Bayern und schrieb das Werk mit dem Titel «Chiromantia» für dessen Gemahlin Anna von Braunschweig.
Nach einer kurzen Einleitung folgen in diesem Werk 44 im Holzschnittverfahren hergestellte Abbildungsseiten, bei denen der Text jeweils direkt in das Bild integriert ist. Die Darstellungen zeigen eine linke Frauen‑ und eine rechte Männerhand, versehen mit Linien und zahlreichen weiteren Markierungen. Diese werden in beigefügten Schriftbändern in deutscher Sprache erläutert, sodass der Betrachter den Zusammenhang zwischen körperlichen Zeichen und ihrer Bedeutung studieren konnte. Zugleich war es möglich, die eigene Hand neben die gedruckte zu halten und direkte Vergleiche anzustellen. Das Werk ist nur in einem einzigen Druck erhalten geblieben und wird heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München aufbewahrt.
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