Zum Hauptinhalt springen

20. Jahrhundert – Psychologische und wissenschaftliche Entwicklung

Cheiro, William Benham & Carl Gustav Jung – Moderne Chirologie – Entwicklung durch Persönlichkeitsanalyse
Richard Unger & Pascal Stössel – Innovation – durch psychologische Tiefe und lebenspraktische Persönlichkeitsentwicklung

Handanalyse im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert

Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte die Handlesekunst in Europa einen neuen Aufschwung. Ursache hierfür war das wachsende Interesse an okkulten und esoterischen Themen, insbesondere an den fernöstlichen Traditionen des Buddhismus und Hinduismus. Yogis und Swamis aus Indien hielten Vorlesungen an europäischen und amerikanischen Hochschulen, Organisationen wie die Theosophische Gesellschaft (1875 in New York gegründet) oder die Anthroposophie (1912 in Köln gegründet) erhielten regen Zulauf, und 1913 wurde Rabindranath Thakur als erstem Asiaten der Literaturnobelpreis verliehen.

In dieser kulturellen Aufbruchstimmung entstanden neue wissenschaftliche Disziplinen wie die Tiefenpsychologie und Psychoanalyse, begründet von Sigmund Freud (um 1890) und ab 1912 weiterentwickelt von C. G. Jung. Jung (1875–1961) zeigte besonderes Interesse an ehemals als „unwissenschaftlich“ abgetanen Wissensgebieten, darunter Alchemie, Astrologie und Chirologie. Er ließ sich selbst Handabdrücke nehmen und verfasste das Vorwort zu Julius Spiers Werk „Die Hände der Kinder“ (postum 1944), das den Zusammenhang zwischen Handmerkmalen und psychischen Störungen bei Kindern untersucht.

Der Ire Cheiro (1866–1936), geborener William John Warner, arbeitete als Hellseher, Chirologe, Numerologe und Autor. Unter dem Pseudonym Cheiro „von Chiromancy“ verband er Handlesekunst, Numerologie und Astrologie zu einem System der Vorhersage. Er bereiste die Welt, las die Hände zahlreicher prominenter Persönlichkeiten und gilt als einer der erfolgreichsten Handleser seiner Zeit.

Ganz anders der Amerikaner William Benham, der sich schon mit 13 Jahren für die Chiromantie begeisterte und 1900 sein Buch „The Laws of Scientific Handreading“ veröffentlichte. Ziel war, Handlesen aus dem Bereich des Aberglaubens in den Bereich der Wissenschaft zu überführen.

Bettina Johanna

Weitere bedeutende Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts 

• Ernst Issberner-Haldane (1866–1966), der Chirologie mit Astrologie verband und neue Erkenntnisse einbrachte.

• Noel Jaquin (1893–1974), der über 30 Jahre lang Publikationen zur medizinischen Handanalyse veröffentlichte.

• Beryl Hutchinson MBE (1891–1981), Präsidentin der „Society for the Study of Physiological Hand Analysis“, widmete ihr Leben der Handlesekunst.

• Charlotte Wolff (1897–1986), Ärztin und Sexualwissenschaftlerin, führte psychologische Handdiagnosen durch und veröffentlichte mehrere Bücher.

• Marianne Raschig, die zwischen 1924 und 1935 über 2.500 Handabdrücke bekannter Persönlichkeiten sammelte.

• Fred Gettings (*1937), der ein System zur Bestimmung der Handform auf Basis der Vierelementelehre entwickelte.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts halfen empirische Studien, die Chirologie von ihrem unseriösen Ruf zu befreien.

Eine bedeutende Neuerung brachte der amerikanische Chirologe Richard Unger (*1948) mit seinem System „LifePrints“ (gegründet 1985), das die Analyse der Fingerabdruckmuster (Dermatoglyphen) mit der traditionellen Chirologie verbindet. Damit lassen sich charakterliche Anlagen, Lebenszweck und Lebensthema eines Menschen bestimmen. Unger entwickelte spezifische Zeichengruppen, Begabungszeichen und Spannungsfelder, um eine tiefgehende psychologische Analyse der Hände zu ermöglichen. Über 60.000 Hände hat er im Laufe von vierzig Jahren analysiert; 2007 erschien sein Buch „LebensAbdruck: Was Fingerabdrücke über den Lebensweg verraten“.

In Europa setzte Ungers Schüler Pascal Stössel (*1965), Gründer des IIHA Schweiz, diese Arbeit fort. Seit 2001 führte er die offizielle Ausbildung des International Institute of Hand Analysis (Level 1–3) nach Europa. Stössel entwickelte das handanalytische Coachingmodell, kombiniert mit gewaltfreier Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, und führte die körperliche Erfahrung der Handzeichen, das sogenannte „Handspiel“, ein. Veranstaltungen wie das Event-Handlesen „HANDFEST“ und „Blindreadings“ mit Prominenten machen die Handlesekunst auch einem breiten Publikum zugänglich.

Stössel bildet zahlreiche Handanalytiker aus und hat die moderne psychologische und seelenorientierte Handanalyse entscheidend geprägt. Eine seiner Schülerinnen, Daniela Maiwald (*1967), arbeitet zusammen mit dem Religionsphilosophen Ronald Zürrer (*1961) an einer Integration der Handlesekunst in ein höherdimensionales, theistisches Weltverständnis, das die Gesetze von Karma und Dharma berücksichtigt.

Pascal Stössels Vision ist der Aufbau einer Komplementär-Schule mit eigenen Lehrern, die Handanalyse in Zusammenarbeit mit Therapeuten und Psychologen praxisnah und lebensfördernd vermittelt. Ziel ist es, Menschen zu einem bewussten, authentischen und erfüllten Leben zu begleiten.

Die Weiterentwicklungen von Richard Unger und Pascal Stössel sind eigenen Blogbeiträgen gewidmet.

Weitere Blogbeiträge