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Bettina Post Category: Frühzeitliche Handanalyse

Bettina Johanna

Das 19. Jahrhundert – Systematische Forschung

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Casimir Stanislas D’Arpentigny (1798–1866) legte die wissenschaftliche Basis für die Analyse der Handformen, während Adrien Adolphe Desbarolles (1801–1886) die psychologischen und esoterischen Aspekte der Handdeutung erforschte.

D’Arpentigny & Desbarolles – Pioniere der modernen Handanalyse

Trotz der weitgehenden Verdrängung des Handlesens aus den akademischen Kreisen gab es auch im 19. Jahrhundert einzelne Forscher, die an einer ernsthaften und systematischen Beschäftigung mit der Handanalyse und der Handlesekunst festhielten. In Frankreich waren dies vor allem Casimir Stanislas d’Arpentigny (1798–1866) und Adrien Adolphe Desbarolles (1801–1886).

D’Arpentigny konzentrierte sich in seinen Arbeiten insbesondere auf die Analyse und Deutung der Form und der strukturellen Beschaffenheit der menschlichen Hand. Er gilt als der erste abendländische Autor, der eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung zur Physiognomie der Hand sowie zu deren Klassifizierungsmöglichkeiten veröffentlichte. Bemerkenswerterweise schenkte er dabei jedoch der Deutung der Handlinien keinerlei Beachtung und beschränkte sich konsequent auf Form, Proportion und Aufbau der Hand.

D’Arpentigny, der Urvater der Handformen-Analyse, legte das Fundament für viele heutige Lehrmodelle. Eine vertiefte Darstellung findet sich in einem separaten Blogbeitrag.

Bettina Johanna

Desbarolles legte seinen Fokus auf die Symbolik 

Desbarolles hingegen legte den Schwerpunkt seiner Forschungen auf die Symbolik der menschlichen Hand sowie auf deren psychologische und kosmisch‑esoterische Dimensionen. Er verstand die Hand nicht nur als anatomisches oder physiognomisches Merkmal, sondern als Spiegel innerer geistiger und seelischer Prozesse.

Sein erstes bedeutendes Werk erschien im Jahr 1859 unter dem Titel «Chiromancie nouvelle. Les Mystères de la main révélés et expliqués» («Die neue Chiromantie – Die Geheimnisse der Hand offenbart und erklärt»). Darin berief er sich unter anderem auf die Tradition der Erkenntnisse des Schweizer Pfarrers und Philosophen Johann Caspar Lavater (1741–1801), der 1775 seine einflussreichen «Physiognomischen Fragmente» veröffentlichte, sowie auf die Arbeiten des deutschen Arztes Franz Joseph Gall (1758–1828), des Begründers der Phrenologie. Diese beschäftigte sich mit dem Zusammenhang zwischen Schädel‑ und Gehirnform einerseits und dem Charakter sowie den geistigen Fähigkeiten eines Menschen andererseits.

Darüber hinaus war Desbarolles deutlich geprägt von den kabbalistischen Lehren des französischen Okkultisten Éliphas Lévi (1810–1875), bei dem er in Paris persönlich studiert hatte. Diese Einflüsse prägten maßgeblich seine symbolische und spirituelle Sicht auf die menschliche Hand. Sein zweites und zugleich zentrales Werk erschien im Jahr 1874 unter dem Titel «Les Mystères de la main. Révélations complètes» («Die Geheimnisse der Hand – vollständige Offenbarungen»).

Dieses Werk gilt bis heute als eines der einflussreichsten Grundlagenwerke der modernen Handlesekunst und verband physiognomische Beobachtung, psychologische Deutung und esoterisch‑kosmologische Symbolik zu einem umfassenden Gesamtsystem.

«Les Mystères de la main» von Adrien Adolphe Desbarolles, 1874.)

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Bettina Johanna

Neuzeit – Renaissance und Barock

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Der deutsche Universalgelehrte, Arzt und Philosoph Agrippa von Nettesheim (1486–1535) sowie der britische Philosoph, Theosoph und Mediziner Robert Fludd (1574–1637) interpretierten die menschliche Hand als Abbild des gesamten Kosmos.

Agrippa von Nettesheim & Robert Fludd – Wiederbelebung der Chirologie

Im Zuge der Renaissance, also ab dem 15. Jahrhundert, und mit dem Beginn der Neuzeit wurde unter europäischen Gelehrten das Interesse an antiker Wissenschaft und Philosophie neu belebt. Damit kehrte auch die Erinnerung daran zurück, dass die Handlesekunst sowohl im alten Griechenland als auch im Orient stets als wertvolle und teilweise sogar heilige Wissenschaft gegolten hatte. Gelehrte begannen erneut, sich mit diesen überlieferten Wissensbeständen auseinanderzusetzen und sie in einen zeitgemäßen Kontext zu stellen.

Der deutsche Universalgelehrte, Arzt und Philosoph Agrippa von Nettesheim (1486–1535) sowie der britische Philosoph, Theosoph und Mediziner Robert Fludd (1574–1637) interpretierten die menschliche Hand als Abbild des gesamten Kosmos. In ihren Arbeiten versuchten sie, die traditionelle Form des Handlesens wiederzubeleben und in ein umfassendes, hermetisch‑kosmologisches Weltbild einzubetten. Selbst der Philosoph, Theologe, Humanist und Reformator Philipp Melanchthon (1497–1560), der der Chiromantie zunächst ablehnend gegenüberstand, wurde im Laufe seines Lebens ein Schüler dieser Wissenschaft. Er lehrte sie schließlich sogar als bedeutende geisteswissenschaftliche Disziplin an der Universität Wittenberg.

Im Zeitalter des Barock, also ab dem 17. Jahrhundert, vollzog sich innerhalb der Handlesekunst eine deutliche Schwerpunktverlagerung hin zu einem stärker naturwissenschaftlich orientierten Ansatz. Auf Vorhersagen über das zukünftige Schicksal oder auf umfassende Charakteranalysen wurde weitgehend verzichtet. Stattdessen konzentrierte man sich vor allem darauf, anhand der Merkmale der menschlichen Hand Rückschlüsse auf den körperlichen Gesundheitszustand zu ziehen. 

An mehreren europäischen Universitäten wurden in dieser Zeit Lehrveranstaltungen über diese Form des Handlesens angeboten. Die sogenannte «medizinische Chiromantie» wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Deutschland unter anderem an den Universitäten von Halle, Jena und Königsberg gelehrt. Auch in Dresden hielt der Arzt Philipp Meyen, einer der Pioniere der Iridologie (Iris‑Diagnostik), Vorlesungen zu diesem Themenbereich.

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Bettina Johanna

Der Verlust der grösseren Zusammenhänge

Mit dem Beginn der Aufklärung, also ab der Mitte des 18. Jahrhunderts, wurde der Begriff der europäischen «Wissenschaftlichkeit» zunehmend auf das rein Rationale und dreidimensional Beweisbare reduziert. Alles, was sich nicht mithilfe empirischer Beobachtung, Logik und Vernunft nachweisen ließ, galt fortan als «unwissenschaftlich» und wurde immer häufiger mit «unwahr» gleichgesetzt.

Im Zuge dieser materialistischen Reduktion ging die Erkenntnis der größeren kosmischen und symbolischen Zusammenhänge verloren. Damit verschwand auch die Kunst des Handlesens aus den akademischen Kreisen und geriet erneut in Verruf – sowohl in England, Frankreich und Italien als auch in Deutschland. Während sie im Mittelalter als «heidnische Wahrsagerei» oder als «Gotteslästerung» diffamiert worden war, galt sie nun als «unwissenschaftlicher Unfug» oder als bloßer «Aberglaube».

Das daraus entstehende geistige Vakuum führte dazu, dass das Handlesen zunehmend in ein unseriöses Umfeld verdrängt wurde. Es fand sich fortan vor allem auf Jahrmärkten und in Wahrsagerzelten wieder, losgelöst von seinem ursprünglichen philosophischen, medizinischen und kosmologischen Anspruch.

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Bettina Johanna

Das Mittelalter – Geheimwissen und Gelehrsamkeit

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Vom 12. bis 15. Jahrhundert bewahrten Gelehrte wie der Mönch Eadwine und der Arzt Peter von Abano das Wissen der Chiromantie in Manuskripten und Lehrwerken, oft als medizinische und psychologische Wissenschaft interpretiert.

Eadwine & Peter von Abano – Hüter des mittelalterlichen Wissens

Das älteste heute noch erhaltene mittelalterliche Manuskript, in dem die Handlesekunst erwähnt wird, stammt aus der Zeit um 1160 n. Chr. und wurde von einem südenglischen Mönch namens Eadwine verfasst. Es ist unter der Bezeichnung «Eadwine‑Psalter» beziehungsweise «Canterbury‑Psalter» bekannt. In dieser lateinisch abgefassten Schrift finden sich neben religiösen, liturgischen und persönlichen Themen auch zwei Kapitel, welche die theologische Fachwelt bis heute erstaunen: Zum einen eine Abhandlung über Numerologie, zum anderen eine Abhandlung über die Wissenschaft des Handlesens, die Chiromantia.

Eine Abschrift des Handlese‑Kapitels aus dem «Eadwine‑Psalter» findet sich zudem in einem Manuskript aus dem Jahre 1292, das heute in der berühmten Bodleian Library der Universität Oxford aufbewahrt wird und dort die Signatur «MS Ashmole 399» trägt. Diese reich bebilderte medizinische Schrift behandelt nicht nur verschiedene physiognomische, anatomische und diagnostische Themen, sondern enthält auch zwei Kapitel über das Handlesen, die auf dem «Eadwine‑Psalter» basieren und zusätzlich mit zahlreichen Zeichnungen illustriert sind. Diese Abbildungen gelten als die ältesten erhaltenen Handlese‑Illustrationen der gesamten abendländischen Kulturgeschichte.

Die Ausführungen des Manuskripts «MS Ashmole 399» machen deutlich, dass man im Mittelalter das Handlesen als ernstzunehmende Wissenschaft betrachtete, die einen wichtigen Beitrag zur medizinischen Diagnose und Therapie leisten konnte. Dasselbe galt auch für die Disziplinen der Physiognomie – der Deutung körperlicher Merkmale, insbesondere der Gesichtszüge – sowie der Astrologie, welche das Geburtshoroskop eines Menschen analysierte.

Bettina Johanna

Weitere Geisteswissenschaften als unverzichtbare Bestandteile der Heilkunst

Ein weiteres bedeutendes Beispiel für die mittelalterliche Tradition der Handlesekunst ist der Philosoph, Arzt und Medizinprofessor Peter von Abano (um 1257–1315) aus der Provinz Padua in Norditalien. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Schule von Padua zu einem der wichtigsten Zentren der abendländischen Medizin. Peter von Abano verband die Lehren des griechischen Arztes und Naturforschers Galenos (um 129–216 n. Chr.) mit jenen römischer, arabischer und vermutlich auch indischer Ärzte und Philosophen. Er betrachtete den Menschen als integralen Bestandteil eines großen, harmonischen Ganzen, das von himmlischen Sphären geschützt und gelenkt wird.

Aus diesem Weltbild heraus waren für ihn Astronomie, Astrologie und weitere Geisteswissenschaften unverzichtbare Bestandteile der Heilkunst. Neben mehreren Schriften über Physiognomie, Astrologie, Alchemie und Geomantie – der Deutung von Erdmustern nach den vier Himmelsrichtungen und den vier Elementen – ist von ihm auch mindestens eine Abhandlung über die psychologische und medizinische Bedeutung des Handlesens überliefert.

Dass Peter von Abano solche aus kirchlicher Sicht «heidnischen» und «magischen» Künste betrieb und diese zudem öffentlich lehrte, brachte ihn in Konflikt mit der Kirche. Er wurde vor ein Inquisitionstribunal gestellt. Zwar starb er, nachdem er in einem ersten Verfahren freigesprochen worden war, doch wurde er in einem zweiten Prozess posthum für schuldig befunden. Sein Leichnam sollte exhumiert und verbrannt werden; da dieser jedoch von einem Freund rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden war, begnügte man sich mit einer symbolischen Verbrennung. Eine weitere spätmittelalterliche Abhandlung über die Handlesekunst stammt aus dem Jahr 1448 und wurde am Münchener Hof vom Arzt Johann Hartlieb (um 1400–1468) verfasst. Hartlieb wirkte als Leibarzt und Hofdichter von Herzog Albrecht III. von Bayern und schrieb das Werk mit dem Titel «Chiromantia» für dessen Gemahlin Anna von Braunschweig.

Nach einer kurzen Einleitung folgen in diesem Werk 44 im Holzschnittverfahren hergestellte Abbildungsseiten, bei denen der Text jeweils direkt in das Bild integriert ist. Die Darstellungen zeigen eine linke Frauen‑ und eine rechte Männerhand, versehen mit Linien und zahlreichen weiteren Markierungen. Diese werden in beigefügten Schriftbändern in deutscher Sprache erläutert, sodass der Betrachter den Zusammenhang zwischen körperlichen Zeichen und ihrer Bedeutung studieren konnte. Zugleich war es möglich, die eigene Hand neben die gedruckte zu halten und direkte Vergleiche anzustellen. Das Werk ist nur in einem einzigen Druck erhalten geblieben und wird heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München aufbewahrt.  

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Bettina Johanna

Handlese Antike – Die Anfänge der Handanalyse

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In den frühen Hochkulturen des Vorderen und Mittleren Orients sowie in Indien und China entstanden die ersten Ansätze der Handlesekunst, die sowohl für Charakteranalyse als auch für medizinische und spirituelle Zwecke genutzt wurden.

Antike Meister – Ursprung der Handlesekunst

Die Kunst beziehungsweise die Wissenschaft des Handlesens ist wohl so alt wie die zivilisierte Menschheit. Es wird vermutet, dass sie bereits in den frühesten bekannten Hochkulturen des vorderen und mittleren Orients ausgiebig gepflegt wurde, etwa bei den alten Ägyptern, Chaldäern, Sumerern und Arabern. Aus jener Zeit sind jedoch keine entsprechenden schriftlichen Abhandlungen erhalten geblieben. Gleichwohl finden sich zahlreiche Bezüge auf das Handlesen in religiösen Texten verschiedenster Epochen sowie in der Poesie, in Biographien und in geschichtlichen Aufzeichnungen.

Weiter im Osten hingegen, in den uralten Veda-Schriften Indiens, wird die Handlesekunst in den überlieferten Aufzeichnungen durchaus erwähnt und beschrieben. Sie bildet dort, zusammen mit der Astrologie, eine fundamentale Wissenschaft zur Analyse des menschlichen Daseins und des Schicksals auf der Erde. Gleichzeitig wird an mehreren Stellen davor gewarnt, dieses Wissen in unverantwortlicher Weise zur bloßen Wahrsagerei oder spekulativen Zukunftsdeutung zu missbrauchen.

Auch in der Tradition des alten China finden sich deutliche Hinweise auf die Handlesekunst, die dort einen wichtigen Bestandteil des medizinischen Studiums der Physiognomie darstellte. Dieses Wissen wurde nicht nur zur Charakteranalyse oder zur Heilung von Krankheiten verwendet, sondern auch, um Vorhersagen über bevorstehendes Glück oder Unglück eines Menschen zu treffen.

Je nach herrschendem Weltbild und kulturell‑religiöser Ausrichtung wurde das Handlesen in der Antike entweder als Geheimwissenschaft und esoterische Weisheitslehre, als Wahrsagerei und Prognostik oder als Mittel zum besseren Verständnis der Anlagen und Charaktereigenschaften eines Menschen verstanden. Man erkannte, dass die Hände eines Menschen – neben seinem Gesicht – den individuellsten Teil des Körpers darstellen und dass sich aus der Beschaffenheit ihrer verschiedenen Aspekte sinnvolle Rückschlüsse auf Wesen und Werdegang ziehen lassen.

Im antiken Europa war die Wissenschaft des Handlesens ebenfalls bekannt und seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. in Griechenland verbreitet. Die Philosophen des antiken Griechenlands pflegten nachweislich einen regen Austausch mit Indien, sowohl direkt als auch vermittelt über Araber und Perser, und bezogen viele ihrer Ansichten und Lehren von dort. Wenngleich auch hier bedauerlicherweise keine konkreten schriftlichen Abhandlungen über das Handlesen erhalten geblieben sind, kann man davon ausgehen, dass Gelehrte wie Homer, Anaxagoras, Hippokrates, Platon oder Aristoteles mit der Handlesekunst vertraut waren und sich ihrer bedienten. Nach der aktuellen Faktenlage ist jedoch nicht belegbar, dass sie selbst praktizierende Handleser oder Handanalytiker waren. Dasselbe gilt auch für römische Philosophen und Forscher.

Bettina Johanna

Die Hinweise im alten Testament

Im Alten Testament finden sich vereinzelte Hinweise darauf, dass das Handlesen in biblischen Zeiten eine gängige jüdische Praxis der Weissagung oder der Erkenntnis des Menschen darstellte. So heißt es etwa: «Es sei dir ein Zeichen an der Hand und ein Erinnerungsmal an der Stirn, damit das Gesetz des Herrn in deinem Mund sei.» (Exodus 13,9). Oder: «(Gott) versiegelt die Hand aller Menschen, sodass alle Welt sein Tun erkennt.» (Hiob 37,7). Eine andere, in Fachkreisen diskutierte Übersetzung dieser Stelle lautet: «(Gott beziehungsweise Gottes Macht und Gottes Plan) verbirgt sich in der Hand eines jeden Menschen, auf dass alle Welt darin sein Tun erkenne.»

Der Kontext des 37. Kapitels im Buch Hiob ist die Beschreibung der göttlichen Macht, die sich überall in der Natur manifestiert – auch im Menschen, insbesondere in seinen Händen. Wie bei nahezu allen Bibelstellen hängt die jeweilige Interpretation jedoch stark vom Welt‑ und Gottesbild des Auslegenden sowie von den Zielen seiner Deutung ab.Weniger umstritten ist die Annahme, dass das Handlesen auch in der altjüdischen Merkaba‑Mystik bekannt war, ähnlich wie in der Gnosis und im Neuplatonismus. Aus dieser mystischen Strömung entwickelte sich später die Kabbala‑Tradition, in der das Wissen um die Handlesekunst nachweislich weitergetragen wurde.

Eine historische Tatsache ist, dass das Wissen um die Handlesekunst in den ersten Jahrhunderten nach Christus – vor allem aufgrund der Verfolgung durch die kirchliche Inquisition – weitgehend verloren ging, da alles «Heidnische» und «Ketzerische» in Verruf geriet. Während des gesamten Mittelalters wurde das Handlesen dennoch im Geheimen weiter gepflegt und überliefert, und die entsprechenden Erkenntnisse wurden immer wieder neu abgeschrieben. Dies hatte allerdings zur Folge, dass dieses Wissen im Laufe der Jahrhunderte zunehmend fragmentiert und in einer immer unvollständigeren sowie teilweise auch unzuverlässigen Form erhalten blieb.

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